Wir sollten versuchen von zehn Jahre für eine Planung auf zwei Jahre zurückzukommen.

In Berlin dauert der Bau eines Radwegs von der Planung bis zur Fertigstellung zurzeit vier Jahre. Wie schnell geht das in Dänemark.

Der Prozess ist dort sehr effizient. Nach Einschätzung unserer dänischen Kollegen braucht man, wenn der Prozess von Anfang an gut läuft, sechs Monate vom Anfang der Planung bis zu dem Moment, wo der tatsächliche Bau anfängt. Da wir selbst nicht bauen, ist es schwierig, eine belastbare Aussage für die Bauphase zu treffen. Hinzu kommen manchmal Zeiten für die Bürgerbeteiligung oder politische Entscheidungsfindungen. Alles in allem dauert die Planungsphase aber selten länger als 6-9 Monate. In Deutschland kann das durchaus rund 24 Monate dauern, obwohl wir hier gerade, z.B. konkret in Berlin, durchaus positive Signale der Entscheidungsträger sehen, dies deutlich zu beschleunigen.

Busy Streets: Herr Wallmann, Deutschland galt im Ausland lange als fortschrittliche Industrienation. Gilt das noch für die Verkehrsinfrastruktur?

Stefan Wallmann: Nein, Deutschland hat massiv den Anschluss an andere Länder verloren. Viele Brücken sind marode, der Schienenverkehr ist am Limit und in den Ballungsgebieten droht der Verkehrskollaps. Wenn man die vergangenen 30 Jahre betrachtet, habe ich das Gefühl, uns ist nach dem Aufschwung Ost die Luft ausgegangen.

Also hat die Politik ihre Aufgabe der Grundversorgung nicht erfüllt?

Richtig und sie hat zu sehr auf den Privatwagen gesetzt. Die Menschen organisieren ihre Mobilität fast nur noch mit dem eigenen Wagen, weil der öffentliche Verkehr mit Bus, Bahn und S-​Bahn zunehmend ausgedünnt oder den Bedürfnissen nicht mehr angepasst wurde.

Im Rahmen des Klimapakets hat die Bundesregierung nun beschlossen, das Bahnfahren günstiger wird. Ist das ein gutes Signal?

Ich habe geschluckt als ich das gehört habe. Nur weil die Preise sinken, fahren nicht automatisch mehr Züge. Das System ist bereits am Anschlag. Hier wird mit einer guten Idee ein akutes Problem noch verschärft.

Ein digitaler Signalstandard erhöht die Pünktlichkeit. Aber wie bringt die Digitalisierung mehr Züge auf die Schiene?

Mit der Einführung der digitalen Schiene wird das Sicherungssystem von der Strecke in den Zug verlegt. Momentan ist das gesamte Schienennetz in Abschnitte aufgeteilt. Aus Sicherheitsgründen darf sich immer nur ein Zug in diesem Bereich aufhalten. Signalbarken geben dem Zug per Funk die Erlaubnis zur Einfahrt. Mit dem europäischen Zugsicherungssystem „European Train Control System“ (ETCS) wird diese Technik in den Zug verlagert. Zug und Stellwerk kommunizieren direkt miteinander und verhindern, dass Züge miteinander kollidieren. Wenn man die entsprechend ausgestatteten Züge dafür hat, kann man sie in kürzeren Abständen zum vorausfahrenden Zug takten und ihre Zahl um rund 20 Prozent in einem Streckenabschnitt erhöhen.

Wie schnell kann das umgesetzt werden?

Prinzipiell können die Züge umgerüstet werden, das ist aber teuer. Der Bund gibt keine Zuschüsse, daher muss die Deutsche Bahn das allein finanzieren. Das gesamte deutsche Eisenbahnnetz umzurüsten wird wahrscheinlich bis 2040 oder 2050 dauern. Darum ist es wichtig, den Umbau voranzutreiben.  

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